Die Spur durch den Spiegel

33 international renommierte AutorInnen betrachten die Facetten der Moderne unter anderem in Filmen von Ernst Lubitsch, Alfred Hitchcock, Max Ophüls, Douglas Sirk, Alain Resnais, Ken Jacobs, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Francis Ford Coppola, Hal Hartley, Steven Spielberg und Lars von Trier.

Mit Beiträgen von
Mieke Bal, Raymond Bellour, Tim Bergfelder, Christa Blümlinger, David Bordwell, Warren Buckland, Barton Byg, Jürgen Felix, Gerd Gemünden, Malte Hagener, Sabine Hake, Knut Hickethier, Hermann Kappelhoff, Frank Kessler, Gertrud Koch, Thomas Koebner, Peter Krämer, Klaus Kreimeier, Helmut Lethen, Thomas Y. Levin, Wolfgang Mühl-Benninghaus, John Neubauer, Christine N. Brinckmann, Geoffrey Nowell-Smith, Leonardo Quaresima, Drehli Robnik, Irmbert Schenk, Klaus R. Scherpe, Johann N. Schmidt, Yuri Tsivian, Michael Wedel, Siegfried Zielinski, Slavoj Zizek.

Rezensionen

H-Net Clio-Online (Corinna Müller)

Einer hat Geburtstag, und alle bringen Kuchen mit. So muß es sein. Im Fall von Thomas Elsaesser, der letztes Jahr seinen 60. Geburtstag feierte, griffen 33 Kollegen der Filmwissenschaft zur Tastatur oder in die Schublade und leisteten ihren Beitrag zu einem Reader über den Film und seine Rolle in der Kultur der Moderne. Denn nichts weniger will dieses Buch sein: eine umfassende Bestandsaufnahme der Imaginationen und Konfigurationen des Films in den über hundert Jahren seiner Geschichte, seiner Spiegelungen und Verortungen in der Schnittmenge zwischen Kunst, Industrie und Politik – kurzum: des Films als Motor und Manufaktur der Moderne zugleich.

Thomas Elsaesser hat sich hierzulande insbesondere durch seine Arbeiten zum deutschen Film erhebliche Verdienste erworben. Ob in seinen Büchern zum Weimarer Kino oder zu Fritz Langs »Metropolis«, zu Rainer Werner Fassbinder oder zum Neuen Deutschen Film: Immer geht es ihm um das Wechselverhältnis zwischen Fiktion und Historiographie, zwischen Ästhetik und Politik, darum, daß »Filmgeschichte mehr ist als die Geschichte der Filme«.

Die Autoren des vorliegenden Sammelbandes – von u.a. Christa Blümlinger, Slavoj Zizek und Knut Hickethier über Klaus Kreimeier, Siegfried Zielinski und Christine N. Brinckmann bis David Bordwell und Gertrud Koch – bewegen sich im breiten thematischen und theoretischen Kosmos Elsaessers und erweitern ihn auf den Fluchtlinien, die in ihm angelegt sind. Sie beschreiben das Kino als Raum, in dem die ästhetische Erfahrung der Moderne ihre Rahmung und ihr kulturelles Gepräge erhalten hat, und als Traumafabrik, in dem die Dilemmata von Krieg, Diktatur und Genozid verhandelt wurden. Ein Parforceritt durch die Filmgeschichte und ihre Genres: Vom frühen holländischen Non-Fiction-Film mit seinen folkloristischen Stereotypen über das monumentale italienische Historiendrama bis zum deutschen Autorenkino. Selbst eine Gebrauchskunst im besten taktilen Sinne wie die Pornographie erfährt ihre Würdigung, deren Bildphantasien und Inszenierungsstrategien minutiös auf ihre Vorgängerformen in Literatur, bildender Kunst und Fotographie zurückverfolgt werden.

Das Buch legt mannigfaltige »Spuren durch den Spiegel«, der das Innen und Außen der Kinematographie verbindet. In Jean Cocteaus »Orphée« ist der Spiegel die Pforte zum Schattenreich: Das Kino ist der lange Schatten der Welt, und wir sind seine Schattenfiguren. (Mark Stöhr, Schnitt)

 Aspekte filmischer Handschrift

»Festschriften, mit denen die akademische Zunft ihre verdienten Mitglieder würdigt, sind meist eine dröge Angelegenheit, die in den Regalen der Universitätsbibliotheken vor sich hin stauben. Dass es auch anders geht, beweist ein neuer Sammelband mit filmtheoretischen Aufsätzen. ... Die darin versammelten Autoren entstammen sämtlich dem universitären Umfeld und schreiben folglich nicht gerade flockig-leicht wie Feuilletonisten. Und trotzdem sind ihre Arbeiten, wenn schon nicht en passant konsumierbar, mit viel Gewinn auch für den alltäglichen Kinobesuch zu lesen. Aspekte der filmischen Handschrift eines Lars von Trier oder eines Werner Herzog, eines Alfred Hitchcock oder eines Alain Resnais werden unter die Lupe genommen. ... Und dann gibt es – die Perlen in diesem Buch – Überlegungen, die abseitig klingen mögen und doch genau ins Zentrum der filmischen Sprache treffen. ... Insgesamt öffnet einem Die Spur durch den Spiegel auf angenehme Weise die Augen, wie sehr Film unsere Kultur mittlerweile durchdrungen hat und bestimmt.« (Applaus)

Das Kino als Schlüsselmedium

Der Film ist ohne Zweifel das prägende Medium der Moderne und hat Kunst, Politik und Gesellschaft geprägt wie kaum eine Kunstform zuvor.

Er ist Industrieprodukt, Kommunikationsmedium, Propagandainstrument und Traummaschine zugleich, bietet Einblicke in die Seele und Aussichten auf die Außenwelt - kurz gesagt: Er ist sowohl historisch wie auch ästhetisch aufs Engste mit dem Begriff der Modernisierung verbunden.

In dem vorliegenden Buch beleuchten 33 verschiedene Autoren - allesamt renomierte Experten - den Film von unterschiedlichen Aspekten her unter dem Gesichtspunkt der Moderne. Untersucht werden dabei unter anderem Werke von Ernst Lubitsch, Alfred Hitchcock, Max Ophüls, Douglas Sirk, Alain Resnais, Ken Jacobs, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Francis Ford Coppola, Hal Hartley, Steven Spielberg und Lars von Trier.

Naturgemäß weist das Buch eine gewaltige stilistische wie auch thematische Bandbreite auf, die durch die Gliederung in Themenblöcke wie "Räume und Rahmungen", "Traum und Traumata", "Geschichte - Ereignis und Erlebnis", "Grenzen und Interferenzen", "Spuren und Spiegel" sowie "Re-Visionen" allerdings nicht allzu evident wird. Ein Kompendium der aktuellen Filmgeschichtsschreibung mit einer ganzen Reihe von äußerst lesenswerten Essays.

Wissenschaftlich und Leidenschaftlich

Kein Medium hat das 20. Jahrhundert so nachhaltig geprägt wie der Film. Er ist das „Schlüsselmedium", beginnt das Vorwort des Sammelbandes „Die Spur durch den Spiegel" aus dem Bertz-Verlag. Dabei hat der Film das Jahrhundert im aktiven wie passiven Sinne „bebildert": In intensivem Diskurs zwischen Produktion und Wirklichkeit. Thomas Elsaesser, zu dessen letztjährigem 60. Geburtstag der Sammelband erschienen ist, hat den Film aus wissenschaftlicher aber auch leidenschaftlicher Distanz beobachtet und vor allem zum deutschen Film eine beachtliche Bandbreite an Studien veröffentlicht. In seinem Sinne dürften die Essays des Sammelbandes ausgefallen sein.

In sechs Kapiteln widmen sich die Autoren, die teilweise zum direkten Forschungsumfeld des Amsterdamer Filmprofessors zählen, den diversen kulturellen Aspekten des Films. Die Überlegungen reißen ihre jeweiligen Problemfelder dabei ausdrücklich nur an und wollen nicht als „unumstößliche Festschreibungen" (11) verstanden sein. Diese Offenheit und die Vielseitigkeit der Untersuchungen lassen daher kaum einen erschöpfenden Überblick über den 450 Seiten dicken Band zu. Dennoch soll ein kursorischer Einblick vermittelt werden.

Im ersten Kapitel „Räume und Rahmungen" beschäftigen sich sechs Autoren mit den ästhetischen und ontologischen Bedingungen des Films und seiner Rezeption. Die Analysen reichen dabei vom sozialen Raum „Kino" bis hin zu simulativen Praktiken unter dokumentarischen Bildern. Das mit „Traum und Trauma" betitelte zweite Kapitel versucht einen der wichtigesten kulturwissenschaftlichen Diskurse, den der Psychologie (besonders der Psychoanalyse) mit dem Film zu koppeln. Dass diese Kopplung reichhaltige Ergebnisse zu Tage gefördert hat, wissen wir spätestens seit Hugo Münsterberg; ein Blick auf die Theoriegeschichte(n) liefern die fünf Autoren dieses Kapitels von poststrukturalistischer Psychoanalyse (Zizek) bis hin zu Wirkungs- und Wahrnehmungsfragen. Im dritten Kapitel „Geschichte – Ereignis und Erlebnis" eröffnen sechs Autoren filmhistorische Fragestellungen von den Frühjahren des Kinos bis zum Autorenfilm der 70er und 80er Jahre. Kapitel vier blickt wieder auf das Raum-Phänomen, dieses mal jedoch unter der Perspektive der Darstellung kultureller Räume im Film. Hier wird genauso über Filmexil wie die politischen Implikationen bei Ophüls, Lubitsch und Resnais sinniert. Das vorletzte Kapitel „Spuren und Spiegel" widmet sich der „Auflösung einer statischen Architektonik von Differenz und Verhältnismäßigkeit", so die Herausgeber. Hier wird Film als industrielles Kulturprodukt und mittel zur nationalen Identitätsstiftung untersucht. Schließlich wird in „Re-Visionen" versucht, der Wandelbarkeit und Multiperspektivität von Werkinterpretationen Rechnung zu tragen. Die Versuche hier reichen von einer Untersuchung über die Untersuchungen zur Pornografie bis hin zu Kunst-Traditionalität im Werk Werner Herzogs.

Die Autoren der 33 Texte des Bandes bringen ihren jeweiligen theoretischen Horizont und ihre Forschungsperspektiven mit ein. Das macht das Buch ungleich vielfältig – zusammengehalten wird die Textsammlung allein durch den „Kultur"-Zusammenhang und die Beziehung zu Elsaesser. Doch gerät die Festschrift dabei keineswegs zur Verneigung gegenüber dem Jubilar; hierzu sind die Kontroversen in den Texten zu offensichtlich, das Vorwort benennt es beim Wort: „Elsaessers Schüler wäre nicht die seinen, wenn sie sich nicht auch emanzipierten. [...] Allen gemein ist eine Anerkennung der enormen intellektuellen Reichweite, die seine Interessen bestimmt." (13) Diese Reichweite bekommt der Leser in „Die Spur durch den Spiegel" zu lesen. (Stefan Höltgen, f.ilm)

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Thomas Elsaesser • Reguliersgracht 20 • 1017 LR Amsterdam, The Netherlands • Email: elsaesser@uva.nl
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