Hollywood Heute

Thomas Elsaesser, Hollywood Heute (Bertz + Fischer, 2009) 272 pp.

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Das amerikanische Kino als globale Unterhaltungsindustrie hat sich seit den 70er Jahren immer wieder erneuert. Motor und Symbol der wiedererstarkten Macht Hollywoods ist der "Blockbuster", ein umfassend vermarktetes, multifunktionales Spektakel. Doch Filme wie CHINATOWN, PULP FICTION oder MEMENTO und viele andere stehen auch für Erfindungsreichtum und Experimentiergeist und bezeugen die kreative Glaubwürdigkeit ihrer Regisseure. Aber wissen wir eigentlich, was diese Filme bedeuten? Vielleicht kann uns das Hollywood-Kino Dinge über unsere zeitgenössische Welt mitteilen, die die anderen Künste aus dem Blick verloren haben. Dieses Buch bietet einen neuen Zugang zum populären amerikanischen Film der letzen 25 Jahre. Eine genaue Lektüre der Erzählformen, der stilistischen Muster und filmischen Referenzen, der Handlungen und Motive der Protagonisten liefert überraschende Ergebnisse.

 
Bilderrätsel einer neuen Weltordnung
 
Lange gewartet hat man auf Thomas Elsaessers Sammelband „Hollywood heute", dessen Aufsätze im Lauf von mehreren Jahrzehnten entstanden und nur teilweise in deutscher Übersetzung erschienen sind. Als Pool moderner Alltags-mythologien nimmt der Grandseigneur der Film Studies das System Blockbuster ernst, denn „viele dieser Schlüsselfilme sind ebenso Bilderrätsel einer neuen Weltordnung wie illusionistische Spektakel des alten make believe-Hollywood".
Das „Heute" des Titels bedeutet für den Autor vor allem die späten 80er- und 90er-Jahre. Acht Beispiele des postmodernen Unterhaltungskinos stehen im Mittelpunkt der Untersuchung: von „Chinatown" (1974) von Polanski und „Die Hard" (1988) von John McTiernan über „The Silence of the Lambs" (1991) von Jonathan Demme und „Pulp Fiction" (1994) von Tarantino bis zu„Memento" (2000) von Christopher Nolan. Letzterer bildet das Zentrum des letzten Kapitels zu Mindgame-Movies, die nicht nur ihre Helden, sondern auch die Wahrnehmung des Zuschauers aufs Glatteis führen. Natürlich ist die Welle solcher Kippeffektfilme im Gefolge von „The Sixth Sense" inzwischen irgendwie vorbei. Macht aber nichts. Denn eine an- und ausbaufähige Anleitung zur intelligenten Lektüre des so oft verachteten Hollywood-Kinos bietet Elsaessers Band allemal. - Maya McKechneay, Falter (Wien) Buchbeilage 42/2009 vom 14.10.2009 (Seite 45)
 
Die Vielseitigkeit des Hollywood-Kinos

Kommerz und Kitsch sind die Eigenschaften, die dem Hollywood-Kino allzu gerne nachgesagt werden. Der Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser erkennt hingegen selbst in Blockbustern Erfindungsreichtum und Experimentiergeist, so dass er sich in seinem Buch "Hollywood heute – Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino" dem unterschätzen Potential von Hollywood-Filmen widmet.
Anhand von Action- (Stirb langsam) und Horrorfilmen (Bram Stoker's Dracula), Thrillern (Das Schweigen der Lämmer) und Time-Travel-Filmen (Zurück in die Zukunft, Forrest Gump), Neo-Noir (Chinatown, Memento) und den jüngsten mindfuck movies (Fight Club, A Beautiful Mind, Matrix) untersucht er die wichtigsten Tendenzen des Hollywood-Kinos seit den 1970er Jahren. Dabei versteht er Filme als kulturelle Symptome, denen er sich anhand verschiedener theoretischer Konzepte und Lesarten nähert. Beispielsweise belegt er mittels eines Vergleichs der klassischen und postklassischen Lesart von Stirb langsam, dass sich die Grenzen zwischen dem klassischen und postklassischen Kino nicht an dem Film als Objekt, sondern als Erlebnis erkennen lassen. In seiner Analyse zu Das Schweigen der Lämmer stellt er hingegen die feministische Lesart neben – bei aller "gebotenen Vorsicht" gegenüber der "direkte(n) Anwendung philosophischer Gedanken auf Filmbeispiele" – Lektüren nach Michel Foucault und Gilles Deleuze. Auf diese Weise begründet er nicht nur verschiedene Interpretationen der Hauptfiguren, sondern erklärt zugleich die sich oftmals widersprechenden Positionen von Zuschauern und Filmkritikern.
Die in dem Buch versammelten Studien sind sehr originell und betrachten die bereits häufig behandelten Filme in einem neuen Licht. Außerdem zeigen Elsaessers Analysen eindrucksvoll, wie fruchtbar theoretische Konzepte und Schlüsselbegriffe wie Gender und Körper auf Filme angewandt werden können. Da das Buch aus Aufsätzen entstanden ist, die für diese zusammenhängende Publikation bearbeitet wurden, sind die einzelnen Kapitel unabhängig voneinander zu lesen – wenngleich eine chronologische Lektüre die Entwicklungslinien des Hollywood-Kinos erst heraustreten lässt.
Hollywood heute ist ein Buch für filmwissenschaftlich interessierte Leser, die sich Filmen auch theoretisch nähern wollen. Trotz des komplexen Hintergrundes ist das Buch aber niemals unverständlich. Stattdessen führt Thomas Elsaesser souverän in die verschiedensten Theorien ein und ermuntert zu eigenen Analysen. Daneben bietet das Buch einen Überblick über die Diskussion in der angloamerikanischen Filmforschung – und eignet sich daher auch als fundierte Einführung in das Hollywood-Kino der Gegenwart. (Sonja Hartl, kino-zeit)

 
Weitere Rezensionen
 
 

Buch des Monats (Hans Helmut Prinzler)
 
 
 
epd-film (Jan Distelmeyer)
 
 
 
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Thomas Elsaesser • Reguliersgracht 20 • 1017 LR Amsterdam, The Netherlands • Email: elsaesser@uva.nl
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